Patric Vogt

Zukunft beginnt im Kopf

Innehalten und Neues schaffen

Patric Vogt stellt im Berliner Sprechsaal sein Buch vor und regt zur Debatte an

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. Und in diesem Raum sind wir frei.“ Wenn Patric Vogt heute den KZ-Überlebenden Viktor Frankl auf diese Weise (frei) zitiert, so ist das nicht nur die Eröffnung einer Debatte zu der Frage, in was für einer Gesellschaft wir wie leben wollen. Es ist auch gleichzeitig eine Geste der Wertschätzung für genau diesen Ort: Den Sprechsaal. Mitten im gentrifizierten Berlin, wo die Mieten immer absurdere Höhen erreichen, hält der Kulturkreis Pankow hier seit zwei Jahren die Fahne hoch, für Debatten, neue Gedanken und kreativen Austausch. Dafür werden regelmäßig Sprecher eingeladen, es gibt Vorträge mit alternativen und neuen Denkanstößen, der Dialog ist gewollt. Allein schon deshalb, findet Patric, verdiene der Sprechsaal einen Eintrag in die Geschichtsbücher. Schließlich ist es genau dieser Austausch, der ihm so sehr am Herzen liegt. Nicht umsonst versteht er sein Buch, um das es hier heute gehen wird, als Debattenbeitrag. So lädt auch „Die Zukunft beginnt im Kopf“ zu neuen Denkrichtungen ein.

Der Sprechsaal ist an diesem Donnerstagabend recht gut gefüllt, die erste halbe Stunde widmet Patric dem Inhalt seines Buches. Konzentration und aufmerksames Zuhören sind gefragt, wenn der Autor Rudolf Steiners Konzept der Sozialen Dreigliederung auf unsere Gegenwart überträgt und sein Publikum anhand dessen dazu einlädt, diesen besagten Raum – zwischen Reiz und Reaktion – mit einer Kernfrage zu betreten: Wie wollen wir Gesellschaft gestalten, damit ein friedliches Miteinander möglich wird?

Was uns als Mensch ausmacht

Grundlegend für ein freies Handeln in der Gesellschaft sei das Innehalten und Reflektieren, bevor wir uns, blind getrieben von Gefühlen und spontanen Impulsen, zwischen Reiz und Reaktion bewegen. Das, so betont Patric, sei es schließlich, was uns als Mensch ausmacht: Die Fähigkeit zu Denken.

Im Sinne von Rudolf Steiner bedeutet dieses Innehalten, reflektiert auf einzelne Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens zu blicken. Da wäre das Wirtschaftsleben und damit einhergehend die Betrachtung von Produkten oder Waren – sie haben ihre Herkunft in der Natur, werden für den Konsum produziert und transportiert. Dann das Geistesleben, die Welt der „Nicht-Produkte“: (Kunst-)Werke, die nicht für den Konsum gemacht sind und die sich durch das Auge des Betrachters verändern. Wer sich etwa Van Goghs Meisterwerk „Sternennacht“ anschaut, hat bestimmte, ganz individuelle Assoziationen, Gedanken und Gefühle, erzählt anderen vielleicht von seinem Erlebnis und lässt so das Werk weiterleben. Etwas Neues entsteht. Das gleiche gilt für Werke der Literatur oder der Musik. Und schließlich das Rechtsleben: Der Bereich der Gesetze.

Es ist dieses Innehalten, das bewusste Hinschauen durch das, nach Steiner, individuelle Freiheit zum Handeln entsteht. Genau das schlägt Patric jedem Menschen in Bezug auf sein individuelles Sein vor. Wie will ich mich verstehen? Noch einmal lädt Patric das Publikum mit dieser Frage dazu ein, diesen Raum zwischen Reiz und Reaktion zu betreten, innehaltend – über das eigene Sein zu reflektieren. Sitzpartner kommen ins Gespräch, es folgt ein gemeinsamer Austausch. Patric ist in seinem Element. Es sei sein Traum, diesen „Reflektionsraum“ aufzumachen, denn „hier können wir etwas ändern“.

Fragen stellen und gemeinsam Antworten finden

So entstanden einst die Solawis (Solidarische Landwirtschaften) aus dem Bedürfnis einiger Konsumenten und Bauern, sich Preise und Produkte nicht von Politik und Wirtschaft diktieren zu lassen, oder das Pareto-Projekt, eine Plattform für unabhängigen Journalismus, ins Leben gerufen von Journalisten, die sich länger von Redaktionslinien bevormunden lassen wollen. Und nicht zuletzt, der Kulturkreis Pankow, dessen Existenz dem kritischen Blick auf das Geschehen in Politik und Gesellschaft zu verdanken ist. Als einige Gleichgesinnte während der sogenannten Pandemie innehielten und Fragen stellten, entstand etwas Neues: Ein Ort, um ins Gespräch zu kommen und gemeinsam neue Antworten zu finden. Der Kulturkreis Pankow ist damit auch so ein Raum zwischen Reiz und Reaktion – für Menschen, die leben, was den Menschen erst zum Menschen macht: Die Fähigkeit zu denken.

Gastrezension von Daniela Aue-Gehrke 

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