Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden
Über die deutsche und andere offene Fragen
Die Schauspielerin und Regisseurin Gabriele Gysi hat ein Buch geschrieben. Darin geht es um den 9. November 1989, was dahin führte und was dem folgte. Sie hat kürzlich in Berlin daraus gelesen. Tilo Gräser war dabei
Die Deutsche Demokratische Republik, abgekürzt DDR, die fast 41 Jahre lang existierte, wird auch heute, mehr als 35 Jahre nach ihrem Untergang, vehement bekämpft. Die Schauspielerin und Regisseurin Gabriele Gysi sieht als Grund dafür, dass der zweite deutsche Staat für die Suche nach einer Alternative zum Kapitalismus stand. Eine solche sei nicht erwünscht, weshalb das untergegangene Land weiterhin «mit brutaler Durchsetzung» angegriffen werde.
Aus ihrer Sicht hätte der Versuch der DDR für eine «gerechtere Ordnung, die keinen Krieg führte, sich dem Frieden verpflichtet fühlte» eine «würdigere Beerdigung» verdient. Warum sie das so sieht, das begründet sie ausführlich in ihrem im November 2025 veröffentlichten Buch «Die Nacht, als Soldaten Verkehrspolizisten wurden».
Darin sucht sie auch eine Antwort auf ein weiterreichendes Thema: «Gibt es noch eine deutsche Frage?» Doch ihr Buch enthält weniger Antworten, sondern umso mehr grundlegende und mit dem Thema verbundene Fragen. Wenn sich die Leserin oder der Leser darauf einlässt, muss er sich auf einen Sturzbach an Gedanken, Ideen und eben Fragen einstellen – und die Antworten eben selber finden.
Die Autorin, Schwester des bekannten Linkspartei-Politikers Gregor Gysi, las am Donnerstag, dem 22. Januar, in Berlin aus ihrem Buch, für das sie viel Aufmerksamkeit bekommt. Der Kulturkreis Pankow hatte dazu in den «Sprechsaal» in Berlin-Mitte eingeladen. In dem Buch greift sie immer wieder auf die antike Tragödie «Antigone» von Sophokles zurück.
Die «würdige Beerdigung» für die DDR, die sie einfordert, kann aber auch deshalb nicht erfolgen, da die Idee eines Gegenmodells zum profitgierigen und kriegstreibenden Kapitalismus sich nicht einfach beerdigen lässt. Sie gehört gewissermaßen zwangsläufig zu diesem System, das den Menschen nur als Arbeitskraft, Konsument und Kanonenfutter sieht.

